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Schriftportrait FF Blur

Die Provokante. Unscharf, ausgefranst, überstrahlt - die FF Blur besitzt alle Attribute, die eine 'ordentliche' Schrift nicht haben sollte. Und doch ist sie zu Beginn der 1990er Jahre eine der Vorboten einer völlig neuen, einer post-modernen Schriftästhetik, die sich mit dem aufkommenden DTP-Zeitalter rasend schnell verbreitet.

Portrait des britischen Schriftentwerfer Neville Brody
Portrait des britischen Schriftentwerfer Neville Brody © Reinhard Jahn Creative Commons

Die FF Blur wird im Jahr 1992 von dem britischen Schriftentwerfer Neville Brody für Fontfont (FF) gezeichnet. Sie entsteht als Effektschrift durch Anwendung eines digitalen Weichzeichners auf eine vorhandene Serifenlose - ob Brody dafür die Helvetica oder die Akzidenz Grotesk hernimmt, daran scheiden sich die Geister.

Das gefilterte Ergebnis, von Brody zeichenweise entwickelt, wird jedenfalls in Kurven umgewandelt ("vektorisiert"), sodass die Schrift mittels der Druckersprache Postscript auf geeigneten Ausgabegeräten (Post Script-fähigen Druckern, Satzbelichtern) ausgegeben werden kann.

FF Blur
FF Blur

Grotesk meets Punk

In stilistischer Hinsicht ist die Blur deutlich von der Ästhetik der späten britischen Punk-Bewegung gegen Ende der 1970er Jahre beeinflusst. Sie erscheint geradezu wie die Verkörperung jener Subkultur, die Neuigkeiten, Werbung und ganze Magazine auf Fotokopierern vervielfältigt und als Handzettel oder zusammen getackerte Loseblattsammlungen weiterreicht.

Dass dieser Umstand ein grundlegender Bestandteil der Schrift ist, erklärt sich sicherlich auch aus Brodys Biographie. Ein Markstein seiner beruflichen und ausdrucksmäßigen Entwicklung ist die künstlerische Gestaltung von Plattencovern für einige Londoner Underground-Label (u.a. Fetish Records).

Fotokopierer-Ästhetik

Durch Brodys Bearbeitung entsteht der charakteristisch unscharfe Eindruck einer vielfach fotokopierten Vorlage mit optischen Unschärfen, Verwaschungen und Überstrahlungen an den Buchstabenrändern. - Die Zeichenformen der FF Blur - ausgefranst an den Kanten wie eine unscharfe Fotokopie - scheinen ihrer eigene Unvollkommenheit zu feiern ... Blur erinnert an eine Type, die billig auf einem Fotokopierer vervielfältigt wurde [q10], wie es in einer Verlautbarung des Museum of Modern Art in New York heißt.

Belichters Graus

So neuartig und ungewöhnlich die Blur zu Beginn der 1990er Jahre im Schriftenmarkt auftritt, so unbeliebt ist sie in den DTP- und Belichtungsstudios dieser Zeit: Gerade wegen ihrer Unschärfe sind die Kurven, aus denen die Schrift besteht, ungewöhnlich komplex und deren Umrechnung auf das Punkteraster eines Satzbelichters computertechnisch ausgesprochen aufwendig.

Es ist daher nichts Ungewöhnliches, wenn Belichtungsaufträge mit Dokumenten, in denen mehr als ein paar Worte in Blur gesetzt sind, den 'Totenkopf-Aufkleber' bekommen, da ihre Bearbeitung außergewöhnlich lange Berechnungszeiten im Belichter erfordert oder diesen gleich ganz zum 'Aufhängen' bringt.

DTP im Aufwind

Mit diesem 'Material-Mix', der Veränderung einer vorhandenen Schrift mit den Mitteln der digitalen PC-Verarbeitung für die Ausgabe auf den DTP-typischen Ausgabegeräten, wird die Blur zu einem der Vorreiter des aufkommenden DTP-Zeitalters, in dem Schrift und Schriftsatz am PC-Monitor und nicht mehr in der Fotosatzbude oder im Handsatzstudio stattfinden.

Ehrung durch das Museum of Modern Art

2011 kommt die Blur, zwanzig Jahre nach ihrem Entstehen und ihren Pionierdiensten in der Popularisierung des Computer-DTP, zu kulturellen Ehren: Das Museum of Modern Art in New York erwählt sie, neben 23 weiteren Schriftentwürfen, zum Grundbestand der neu aufgebauten Museumskollektion digitaler Schriften. Die Blur wird wegen ihrer kulturhistorischen Bedeutung und ihrer experimentellen Ästhetik [q10], so das 'MuMA' in den erlauchten Kreis der als Exponate des Museums ausgewählten Schriften aufgenommen.

Blur heute

Heute kann die Blur in drei Strichstärken - Light, Medium, Bold - bezogen werden. Es existieren (bisher) weder Kursive noch schmale oder breite Schnitte und auch keine Kapitälchen, Alternativzeichen oder Ornamente.