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Antiqua Varianten

Die Klasse 7 der Schriftenklassifizierung nach DIN 16518 ist ein Sammelbecken für Schriften, die über Merkmale der Antiqua verfügen, wegen abweichender Eigenschaften aber nicht den Vorgängerklassen zuzurechnen sind.

Rundbogige

Formal handelt es sich bei den Schriften der Antiqua Varianten um mit Rundbogen versehene Schriften, also solche römischen Ursprungs, mit oder ohne Serifen, die über Merkmale verfügen, die eine Einordnung in die Schriftklassen 1 bis 6 unmöglich machen.

Beispielsweise Zierschriften und Hybridschriften

Konkret sind Schriften der Klasse 7 im Wesentlichen, aber nicht ausschließlich, Zierschriften für dekorative Zwecke. Ferner finden sich hier Hybrid-Schriften, die aus der Mischung der Merkmale und Erscheinungsformen von zwei oder mehr Schriftarten entstehen.

Portrait des britischen Schriftentwerfer Neville Brody
Portrait des britischen Schriftentwerfer Neville Brody © Reinhard Jahn Creative Commons

Ein bekanntes Beispiel für eine Hybridschrift ist die von Neville Brody gezeichnete FF Blur, die aus einer 'Kreuzung' der Helvetica mit Akzidenz Grotesk und anschließender Behandlung mit Weichzeichnereffekten hervorgeht.

FF Blur
Hybridschrift FF Blur von Neville Brody

Einsetzende Unordnung in der Schriftenwelt

Mit dem Beginn des digitalen Zeitalters wird die Schriftenwelt nicht einfacher. Zu Zeiten des Bleisatzes ist der Schriftmarkt übersichtlich und wohlgeordnet: Die Schriften lassen sich verhältnismäßig leicht und eindeutig in Klassen einordnen. Dies zeigen die ersten sechs Klassen der DIN 16518.

Die wenigen 'Ausreißer', Renegaten, die sich nicht ohne Weiteres einordnen lassen, sind dem konventionellen Schriftsetzer wohl bekannt und wohl auch leicht zu verschmerzen. Doch schon mit dem Einzug des Fotosatzes verkomplizierte sich die Sache ein wenig: Schriften für den Lichtsatz sind leichter herzustellen und am Markt zu verwerten und die Schriftenvielfalt nimmt zu.

Digitale Revolution: Ende der Klassifizierung?

Mit der Ausbreitung des PC-gestützten Schriftsatzes seit den späten 1980er Jahren wird die Lage am Schriftenmarkt noch undurchsichtiger: Es folgen schnell aufeinander unterschiedliche digitale Schriftformate - Postscript, True Type, Open Type -, die noch dazu für verschiedene, miteinander unverträgliche Computerplattformen entwickelt werden.

Zudem bildet sich durch die Anstrengungen professioneller, semi-professioneller und Amateur-Schriftgestalter ein 'Schriftenzoo' heran, der sich allein schon kraft seiner schieren Masse jeder Kategorisierung entzieht.

Optima
Optima
Souvenir
Souvenir

Mischungen, Zitate und noch mehr Vielfalt

Die ungezählten Schriftmischungen, Abwandlungen, Hommagen, Zitate und schlichten Fälschungen überschwemmen den Schriftmarkt.

In der Vielfalt der Formen geht der letzte Anschein von Einheitlichkeit und Klassifizierbarkeit verloren. Angesichts der heutigen Situation stellt sich so die Frage, inwiefern eine strikte Kategorisierung überhaupt noch Sinn hat und in der Lage ist, der Wirklichkeit gerecht zu werden.

Ordners Graus

Dies alles steht natürlich in krassem Gegensatz zu der einstmals wohlgeordneten Schriftenwelt, die die Autoren der DIN 16518 anno 1964, im Handsatz- und Setzmaschinenzeitalter, in ihre penibel beschriebenen Klassen einteilen wollten. Vielleicht waren es ja Weitsicht und die Einsicht, dass ein starres Klassifikationsmuster à la DIN 16518 nicht sehr lange Bestand haben würde, die zur Einrichtung der Klasse 7 geführt haben.

Immerhin: Das Problem mangelnder Einordnung war bereits 1964 wohlbekannt, wie der Blick auf die unten stehenden Entstehungsjahre der Schriftbeispiele für Antiqua Varianten zeigt:

Beispiele für Antiqua-Varianten

  • Eckmann (1899, Otto Eckmann)
  • Arnold Böcklin (1904, Schriftgiesserei Otto Weisert)
  • Souvenir (1914, Morris Fuller Benton)
  • Hobo (1910)
  • Optima (1952, Hermann Zapf)
  • Revue (1968, Colin Brignall)
  • Friz Quadrata (1973, ParaType)
  • FF Blur (1992, Neville Brody)

Verbindende Merkmale der Antiqua-Varianten

Merkmale der Antiqua-Varianten
Merkmale der Antiqua-Varianten © Jcarbose Creative Commons
  • ausgeprägter Dekorationscharakter
  • (häufiger) nur aus Großbuchstaben bestehend
  • Mischformen zwischen zwei oder mehr Schriftarten